Wer Regale, Handtuchhalter oder andere Gegenstände an den gefliesten Wänden von Küche oder Bad befestigen möchte, kommt früher oder später nicht um das Bohren in Fliesen herum. Dabei ist das grundsätzlich kein Problem – vorausgesetzt, man geht behutsam und mit dem richtigen Werkzeug vor. Risse oder abgeplatzte Glasur entstehen fast immer durch vermeidbare Fehler. Dieser Ratgeber zeigt Schritt für Schritt, wie man Fliesen ohne Risse und Schäden bohrt.
Vorbereitungen: Was vor dem ersten Bohrloch zu klären ist
Bevor der Bohrer überhaupt in die Hand genommen wird, sind einige grundlegende Punkte zu klären. Wer zur Miete wohnt, sollte beachten, dass das Bohren in Fliesen zwar grundsätzlich erlaubt ist – es gilt als vertragsgemäßer Gebrauch der Mietwohnung. Überschreitet der Umfang der Bohrarbeiten jedoch das normale Maß, kann der Vermieter Schadensersatz verlangen. Im Zweifelsfall ist ein kurzes Gespräch mit dem Vermieter sinnvoll.
Noch wichtiger ist die Frage nach Leitungen in der Wand. Wasser- und Stromleitungen verlaufen häufig hinter gefliesten Bädern und Küchenwänden. Das altbekannte Abklopfen der Wand ist kein verlässliches Verfahren. Wer keine Baupläne besitzt, sollte unbedingt ein hochwertiges Leitungssuchgerät verwenden. Moderne Multifunktionsgeräte erkennen sowohl Metallrohre als auch stromführende Leitungen und Holzbalken. Die Investition von 30 bis 80 Euro ist angesichts der möglichen Folgeschäden mehr als gerechtfertigt.
Ebenfalls zu bedenken: Wo genau wird gebohrt? Wer die Möglichkeit hat, in der Fuge statt in der Fliese zu bohren, sollte diese Option bevorzugen. Das Fugenmauerwerk lässt sich wesentlich einfacher bearbeiten und das Risiko einer Beschädigung der Fliese selbst entfällt vollständig. Allerdings ist die Haltbarkeit einer Fuge als Dubelverankerung geringer als die eines Bohrlochs in der Fliese.
Das richtige Werkzeug: Welche Bohrer und Hilfsmittel benotigt werden
Der wichtigste Faktor beim Bohren in Fliesen ist das Werkzeug. Gewöhnliche Steinbohrer oder Holzbohrer sind für diesen Zweck absolut ungeeignet – sie können die Glasur brechen oder die Keramik zum Platzen bringen. Stattdessen kommen folgende Bohrtypen infrage:
- Spezielle Fliesenbohrer: Diese Bohrer haben eine charakteristische, lanzenförmige Hartmetallspitze, die beim Ansetzen nicht wegrutscht. Sie sind für normale Keramikfliesen optimal geeignet und bereits ab wenigen Euro erhältlich.
- Diamantbohrkronen: Für Naturstein, Granit und modernes Feinsteinzeug sind Fliesenbohrer oft nicht ausreichend. Diese Materialien sind extrem hart und lassen sich nur mit Diamantwerkzeug bearbeiten. Diamantbohrkronen werden mit Wasser gekühlt und arbeiten ohne Schlag.
- Hartmetallbohrer mit Wolframkarbidspitze: Eine gunstigere Alternative zu Diamantbohrkronen, die sich für mittelharte Fliesen eignet.
Neben dem Bohrer selbst sind folgende Hilfsmittel empfehlenswert: wasserfester Stift zum Markieren, durchsichtiges Klebeband, ein Körner oder ein Nagel zum Ankörnen sowie bei Bedarf ein kleines Holzbrett als Bohrschablone. Wer eine Bohrmaschine mit Tiefenstopp besitzt, kann damit die Bohrtiefe präzise begrenzen.
Schritt fur Schritt: So bohrt man Fliesen ohne Risse
Das eigentliche Bohren erfordert Geduld und eine ruhige Hand. Die folgende Anleitung gilt für Standard-Keramikfliesen:
- Schritt 1 – Markieren: Die gewünschte Bohrstelle wird mit einem wasserfesten Stift mit einem kleinen Punkt markiert. Dabei darauf achten, dass die Stelle mindestens zwei Zentimeter vom Fliesenrand entfernt liegt – der Rand ist die empfindlichste Zone.
- Schritt 2 – Klebeband aufbringen: Die markierte Stelle wird großflächig mit transparentem Klebeband abgeklebt. Das Klebeband verhindert, dass der Bohrer beim Ansetzen auf der glatten Fliesenoberfläche wegrutscht, und schützt die Glasur vor ersten Absplitterungen.
- Schritt 3 – Ankörnen: Mit einem Körner oder einem Nagel und einem vorsichtigen Hammerschlag wird eine kleine Vertiefung in die Glasur eingebracht. Diese gibt dem Bohrer sicheren Halt beim Ansetzen. Alternativ kann man den kleinsten verfügbaren Fliesenbohrer mit minimalem Druck kurz andrehen, um eine Startkerbe zu erzeugen.
- Schritt 4 – Bohren ohne Schlag: Der Schlagmodus der Bohrmaschine muss deaktiviert sein. Mit niedriger Drehzahl (etwa 300-500 U/min) und gleichmäßigem, leichtem Druck wird die Fliese durchgebohrt. Keinesfalls drücken – das Gewicht der Bohrmaschine reicht als Vorschub völlig aus.
- Schritt 5 – In den Untergrund bohren: Sobald die Fliese durchbohrt ist, kann auf den Schlagmodus umgeschaltet werden, sofern der Untergrund (Beton, Mauerwerk) das erfordert. Jetzt darf auch mit mehr Druck gearbeitet werden.
Ein hilfreicher Trick: Wer ein kleines Loch in ein Holzbrett bohrt und dieses exakt auf die Markierung der Fliese setzt, hat eine perfekte Bohrhilfe. Das Brett führt den Bohrer und schützt die Fliese gleichzeitig vor Absplitterungen.
Besonderheiten bei modernen Feinsteinzeug- und Natursteinfliesen
Moderne Feinsteinzeugfliesen, die seit den 2010er Jahren immer verbreiteter sind, haben eine extrem hohe Rohdichte und Oberflächenhärte. Sie erreichen häufig die Mohs-Hartegrade 7-9 und sind damit deutlich schwieriger zu bearbeiten als klassisches Steingut. Normale Fliesenbohrer versagen bei diesen Materialien schnell. Hier sind Diamantbohrkronen erforderlich, die mit Wasser oder einem nassen Schwamm kontinuierlich gekühlt werden müssen. Andernfalls überhitzt das Werkzeug und die Fliese kann durch thermischen Stress brechen.
Auch Natursteinfliesen aus Marmor oder Schiefer verlangen besondere Sorgfalt. Marmor ist zwar weicher als Feinsteinzeug, reagiert aber empfindlich auf zu hohen Druck und Vibrationen. Immer ohne Schlag bohren und die Drehzahl niedrig halten.
Wer plant, Fliesen auch anderweitig zu bearbeiten – etwa zu streichen oder eine beschädigte Fliese zu reparieren -, findet auf seismart.de weitere Ratgeber zu diesen Themen.
Häufige Fehler und wie man sie vermeidet
Die meisten Schäden beim Fliesenbohren entstehen durch einen oder mehrere typische Fehler:
- Schlag aktiviert lassen: Der häufigste Fehler überhaupt. Der Schlagmodus erzeugt Vibrationen, die die spröde Keramik sofort zum Reißen bringen können.
- Falscher Bohrer: Steinbohrer und Betonbohrer sind für Fliesen ungeeignet. Nur Spezialbohrer verwenden.
- Zu hohe Drehzahl: Hohe Drehzahlen erzeugen Reibungswärme, die die Glasur schädigt. Langsam ist hier schneller.
- Zu viel Druck: Fliesen brauchen Zeit. Gleichmäßiger, leichter Druck ist effektiver als Kraft.
- Bohrung am Rand: Der Fliesenrand ist strukturell schwächer. Bohrungen sollten mindestens 2 cm vom Rand entfernt sein.
- Verkanteter Bohrer: Die Bohrmaschine muss stets rechtwinklig zur Wand gehalten werden. Schräges Bohren führt zu Absplitterungen.
Grundsätzlich ja, aber die Vorgehensweise variiert je nach Material. Normale Keramikfliesen lassen sich mit einem Spezialfliesenbohrer ohne Probleme bearbeiten. Für Feinsteinzeug und Natursteinfliesen sind Diamantbohrkronen erforderlich.
Ja, das Bohren in Fliesen gilt in der Regel als vertragsgemäßer Gebrauch einer Mietwohnung und ist erlaubt. Wer jedoch besonders viele Bohrungen plant oder großformatige Veränderungen vornimmt, sollte vorab das Einverständnis des Vermieters einholen.
Für Standard-Keramikfliesen eignen sich Spezialfliesenbohrer mit Hartmetall-Lanzenkopf. Für Feinsteinzeug, Porzellan und Naturstein sind Diamantbohrkronen die bessere Wahl. Normale Stein- oder Betonbohrer sollte man nicht verwenden.
Eine gerissene Fliese lässt sich in vielen Fällen reparieren. Kleinere Risse können mit Fugenmörtel oder speziellem Fliesenkleber kaschiert werden. Bei größeren Schäden ist ein vollständiger Fliesenaustausch oft die einzige dauerhafte Lösung.
